Jetzt ist Leserattenzeit!
Lesepass, Leseführerschein, Lesenacht: Volksschullehrerin Ulrike Richter hat viele Ideen, wie sie ihren Kindern das Lesen schmackhaft macht.
„Wir sind Leseratten und knabbern uns durch die Sprache.“
Montagmorgen in der Klasse 3b der Volksschule Carl-Prohaska-Platz. Es ist Leserattenklub-Zeit. Die Kinder bearbeiten Aufgaben zur derzeitigen Klassenlektüre „Das Vamperl“ von Renate Welsh. Mehrere Stationen sind in der Klasse eingerichtet. Manche Aufträge sind alleine zu lösen, andere wiederum zu zweit. Obwohl die Kinder in Bewegung sind, ist es in der Klasse unheimlich ruhig. Die Klassenlehrerin Ulrike Richter lacht. „Ich hatte selten eine sozial so tolle Klasse.“
"Wir sind Leseratten"
Um die Kinder zum Lesen zu motivieren, ließ sich die erfahrene Pädagogin viel einfallen. Im Vorjahr gründete sie den Leserattenklub – nach dem Motto „Wir sind Leseratten und knabbern uns durch die Sprache.“ Das Projekt fördert aber nicht nur das Lesen, sondern die Kinder lernen auch selbstständiges Arbeiten. Für die Übungen haben sie insgesamt zwei Stunden Zeit, diese müssen sie sich selbst einteilen. Die Partnerarbeit beinhaltet auch einen sozialen Aspekt. Die Kinder kontrollieren sich gegenseitig, sie übernehmen Verantwortung für andere.
Jedes Buch, das gemeinsam gelesen wird, wird in den Leserattenpass eingetragen. „Manche Kinder bringen wenig vorschulische Bildung mit. Sie haben noch nie ein Spiel gespielt oder ein Buch angeschaut. Jedes Kind ist lernwillig, viele müssen auf das Lernen aber erst vorbereitet werden.“ Richter ist wichtig, den Kindern zu vermitteln, wie wichtig Lesen und Sprache sind. „Über das Lesen kommt man rasch zum Thema Sprache. Wir haben sechs Nationalitäten in der Klasse und verschiedene Schriften. Die Kinder sind stolz, wenn sie aus ihrem Kulturkreis etwas beitragen können.“ Ein Ausflug in das Papyrusmuseum rundete die Auseinandersetzung mit Sprache und Schriften ab.
Leseführerschein und Medaillenjagd
Immer wieder aufs Neue motiviert die Pädagogin die Kinder. Sie hat den „Leseführerschein“ eingeführt und erklärt, dass Lesen trainiert werden muss, so wie SportlerInnen trainieren. Wer das Bronze-, Silber- und Goldprogramm erfolgreich absolviert hat, bekommt eine Goldmedaille sowie einen Ausweis verliehen. Eine pensionierte Kollegin, die wöchentlich kommt, geht mit einzelnen Kindern die Leseübungen durch. „Man muss sich etwas einfallen lassen und die Kinder mit Schmäh packen“, erklärt Richter.
Sie erzählt: „Unsere Schule hat als Schwerpunkt Gesunde Ernährung.“ Im Klassenzimmer gibt es deshalb immer frisches Obst und Gemüse zum Knabbern.“ Viele Obst- und Gemüsesorten sind bei den Kindern unbekannt und werden daher abgelehnt. Auch für Karotten konnten sich die Kinder nicht begeistern. Richter hat deshalb den Hasen vorgemacht und gesagt, hört, wie laut es knackt. Ein Wettbewerb namens „Wer kann es am lautesten knacken lassen?“ folgte. Richter: „Das hat sie motiviert, eine Karotte zu kosten, und siehe da, rasch haben die Kinder festgestellt, dass Karotten süß und damit sehr gut schmecken.
Lesen bis zum Einschlafen
Aufregend war die Lesenacht in der zweiten Schulwoche, viele Kinder übernachteten erstmals außer Haus. Start der Lesenacht war um 17.30 Uhr. Klassenlehrerin Richter hat für alle Würstel gekocht. Dann richteten sich die Kinder mit Luftmatratzen und Turnmatten ihre Schlafplätze in der Klasse her. Es folgte ein abwechslungsreiches Programm. Die Kinder bastelten Vampire, Richter stellte das Buch „Das Vamperl“ vor, und sie lasen etwas über die Schriftstellerin Renate Welsh.
Sobald es dunkel wurde, geisterten sie mit Taschenlampen durch das Stiegenhaus. Richters Ehemann kam als Gast, er las den Kindern Gespenstergeschichten vor. Zum Abschluss durfte jedes Kind mit einer Taschenlampe im Vamperlbuch lesen, solange es dazu Lust hatte. Richter: „Manche haben erst um Mitternacht das Buch weggelegt.“