„Mehrsprachigkeit öffnet den Kopf“
20 Wiener Schulen sind seit Beginn dieses Schuljahres eine Wiener Mittelschule. „Kinder & Co“ sprach mit Martha Hafner, Direktorin der First Vienna Bilingual Middle School in der Wendstattgasse, über das neue Schulmodell.
Kinder & Co: Warum haben Sie sich für die Wiener Mittelschule entschieden?
Martha Hafner: Ich denke, dass es eine ideale Form ist, um Begabungen zu fördern, ohne die Kinder zu überfordern. Eine breite Mischung von lernstärkeren und -schwächeren Schülerinnen und Schülern ist gut für die soziale Kompetenz: Jene, die sich „leichter“ tun, helfen denen, die mehr Probleme beim Lernen haben – und davon profitieren auch die Lernstarken.
Wie soll das funktionieren?
Mit einem speziellen Kurssystem. Im Kernkurs machen die Schülerinnen und Schüler den Stoff gemeinsam durch. Nach zwei oder drei Wochen teilt sich die Klasse in zwei Leistungskurse: Im Trainingskurs können die Schülerinnen und Schüler, die mit dem Stoff bis dahin nicht so gut zurechtgekommen sind, alles wiederholen und festigen. Der Erweiterungskurs bietet den anderen die Möglichkeit, noch mehr zum jeweiligen Thema zu erfahren. Danach geht es wieder weiter mit dem nächsten Kernkurs.
Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen mit diesem System?
Durchwegs positiv. Die Kinder fadisieren sich nicht, fühlen sich vom Stoff aber auch nicht erschlagen. Als zusätzliche Hilfe gibt es das Unterrichtsfach „Lerncoaching“, bei dem den Schülerinnen und Schülern eine Stunde pro Woche erklärt wird, wie sie effizient und organisiert lernen und wie man einander unterstützen kann.
Wie kann man sich eine Trennung in zwei Leistungskurse praktisch vorstellen?
Im Fach Englisch etwa teilen wir die Schülerinnen und Schüler auf zwei Klassenräume mit je einem Lehrer oder einer Lehrerin auf. Im Deutsch-Unterricht dagegen bleiben sie mit zwei Lehrerinnen oder Lehrern im selben Raum und arbeiten dort an verschiedenen Projekten. Welche Variante sich durchsetzt, kann ich noch nicht sagen. Vielleicht bleibt es auch von Fach zu Fach unterschiedlich.
Ihre Schule, die First Vienna Bilingual Middle School, hat Englisch und Deutsch als gleichberechtigte Unterrichtssprachen?
So ist es. Neben dem Fach Englisch wird ab der ersten Klasse auch in Geografie und Biologie auf Englisch unterrichtet. Ab der zweiten Klasse kommen noch Geschichte und Physik dazu. Die Fachbegriffe lernen die Schülerinnen und Schüler auf Englisch und Deutsch. In welcher Sprache sie zu einer Prüfung antreten, entscheiden die Schülerinnen und Schüler selbst.
Kommt es da nicht zu einer Vermischung der Sprachen?
Im Gegenteil. Mehrsprachigkeit öffnet den Kopf und fördert das Denken. Ich bin überzeugt, dass unsere Schülerinnen und Schüler vom zweisprachigen Unterricht profitieren.