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Zweisprachig aufwachsen
Können Kinder zwei Sprachen gleichzeitig lernen? „Kinder & Co“ hat Experten vom Wiener Stadtschulrat und von der Universität Wien befragt.

„Kinder & Co“ hat zum Thema „Zweisprachiger Spracherwerb und Deutsch als Fremdsprache und trotzdem erfolgreich in der Schule“ mit Dr. Karl Blüml, „Deutsch als Fremdsprache“-Experte des Stadtschulrats für Wien und Dr. Rudolf De Cillia, Professor am Institut für Sprachwissenschaft an der Universität Wien gesprochen.
Kinder Co: Gibt es ein Patentrezept, wie Eltern, die unterschiedliche Muttersprachen haben, ihre Sprache an die Kinder weitergeben können/sollen?
Univ.-Prof. De Cillia: Es gibt verschiedene Herangehensweisen. Eine davon ist die „Eine Person – eine Sprache“-Methode. Das heißt, jeder Elternteil spricht mit dem Kind in seiner Muttersprache. Das Kind soll sich so möglichst optimal in beiden Sprachen entwickeln. Die Eltern sollten geduldig sein und auch in „schwierigen“ Phasen durchhalten. Es wird immer wieder vorkommen, dass das Kind nicht aktiv spricht, sondern nur wiederholt oder zuhört und in der Zweitsprache antwortet. Solch ein Verhalten hat keinen Einfluss auf den Spracherwerb, das Kind lernt trotzdem. Die Eltern sollten dem Kind unbedingt vermitteln, dass beide Sprachen gleichwertig sind, besonders während Durststrecken. Ein kritischer Punkt bei Kindern, die zweisprachig aufwachsen, ist der Kindergarten. Dort wird die Mehrheitssprache zur wichtigeren Sprache. Es kann sein, dass das Kind negative Erfahrungen mit der Zweitsprache macht. Es wird zum Beispiel von anderen Kindern ausgelacht. Das kann zur Folge haben, dass es die Minderheitensprache nicht mehr spricht. Untersucht wurde dieses Phänomen zum Beispiel bei der kroatischen Minderheit im Burgenland. Umso wichtiger ist es, dass die Eltern beide Sprachen gleichermaßen wertschätzen.
Dr. Blüml: Erfahrungswerte aus vielen Ländern bestätigen, dass es wichtig ist, die Muttersprache gut zu können. Dann vergrößert sich die Chance, eine Fremdsprache zu erwerben, ungemein. Es gibt einen Konsens darüber, dass Kinder meistens in der Lage sind, zwei Sprachen aufzunehmen. Allerdings sollten Kinder eine der beiden Sprachen gut beherrschen. Ein Beispiel dafür ist Südtirol: Dort funktioniert Zweisprachigkeit sehr gut. Vor allem dann, wenn darauf geachtet wird, dass die sprachliche Sozialisierung in einer Sprache erfolgt. Völlig falsch wäre es, wenn Eltern versuchen würden, das Kind von seiner Muttersprache zu entfremden.
Die „Eine Person – eine Sprache“-Methode klingt einfach, ist sie das auch?
De Cillia: Eltern sind oft aus verschiedenen Gründen nicht dazu in der Lage. Zum Beispiel, wenn andere Personen, die die Sprache nicht sprechen, dabei sind. Oder wenn der Partner bzw. die Partnerin die Sprache nicht spricht und dann Gespräche ständig übersetzt werden müssen. Das führt zu Inkonsequenz. Da ist es nötig, bewusst Entscheidungen über das eigene Sprachverhalten zu treffen.
Wie gut müssen Eltern eine Sprache beherrschen, um sie an ihre Kinder weitergeben zu können? Macht es Sinn, wenn Nicht-Muttersprachlerinnen und Nicht-Muttersprachler mit ihrem Kind zum Beispiel Englisch sprechen?
Blüml: Englisch ist sicherlich eine Ausnahme, weil es die lingua franca (eine Sprache, die als gemeinsame Sprache von Sprecherinnen und Sprechern verschiedener Sprachgemeinschaften verwendet wird) ist. Allerdings macht es keinen Sinn, dass Nicht-Muttlersprachlerinnen und Nicht-Muttersprachler frühzeitig mit dem Kind Englisch sprechen. Denn systematischer Unterricht erfolgt in der Schule. Und es reicht völlig, wenn ein Kind mit Eintritt in die Schule damit beginnt. Der Standard des Fremdsprachenunterrichts ist bei uns heute sehr gut. Wenn ein Kind sehr sprachbegabt ist, kann man ihm schon etwas anbieten, wie auf Englisch singen.
De Cillia: Da kann ich mich nur anschließen. Eltern sollten nur dann in einer Fremdsprache mit den Kindern sprechen, wenn sie über eine sehr gute Sprachkompetenz verfügen. Der Spracherwerb ist ein komplexes System, bei dem authentische Sprache verarbeitet wird, deshalb ist es wichtig, dass dem Kind eine authentische Sprache geboten wird. Es gab dazu eine Studie in Sardinien. Eltern mit Muttersprache Sardisch haben mit ihren Kindern anstatt Sardisch Italienisch gesprochen. Damit taten sie nichts Gutes, denn die Kinder haben in der Folge beide Sprachen nicht gut gesprochen.
Wie ist es, wenn keiner der beiden Elternteile Deutsch als Muttersprache hat. Was können die Eltern tun, damit es trotzdem gut bzw. perfekt Deutsch lernt?
Blüml: Das Kind sollte möglichst früh den Kindergarten besuchen. Wichtig ist, ihm ab der 1. Klasse Unterricht in der Muttersprache zu ermöglichen. Wenn ein Kind Türkisch als Muttersprache spricht, sollte es ab der 1. Klasse Volksschule türkischsprachigen Unterricht erhalten. In Wien werden als Freifach oder als unverbindliche Übung so ziemlich alle Sprachen angeboten: Albanisch, Arabisch, Bosnisch, Chinesisch, Farsi, Koptisch, Kroatisch, Mazedonisch, Pashtu, Polnisch, Romanes, Rumänisch, Serbisch, Slowakisch, Tschetschenisch und Türkisch. Grundsätzlich sind Kinder sehr aufnahmebereit, es ist schwer, sie zu überfordern.
Gibt es Beratungsstellen zu Deutsch als Fremdsprache?
Blüml: Es gibt REBAS 15, das ist eine Regionale Betreuungsstelle für ausländische Schülerinnen und Schüler für den 7. und 15. Bezirk. Es handelt sich dabei um ein Kooperationsmodell des Stadtschulrates für Wien und dem Magistrat der Stadt Wien – Amt für Jugend und Familie (MAG ELF) und Integrations- und Diversitätsangelegenheiten (MA 17). Eine Lehrerin oder ein Lehrer, eine Sozialarbeiterin oder ein Sozialarbeiter sowie muttersprachliche Betreuerinnen und Betreuer helfen bei der Lösung von Problemen in der Schule, bei Erziehungs- oder sozialen Fragen. REBAS 15 arbeitet mit verschiedenen anderen Einrichtungen zusammen, die ausländischen Schülerinnen und Schülern mit Sicherheit weiterhelfen können.
REBAS 15, 15., Gasgasse 8–10/Stiege 4/1. Stock, Telefon 01/891 34-15158, Mo–Do 13–15.30 Uhr, Fr 8–12 Uhr, persönliche Beratung: Di 13–15 Uhr, Do 14–17.30 Uhr, Fr 8–12 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung
Buchtipp:
Leist-Villis, Anja (2008). Elternratgeber Zweisprachigkeit. Informationen & Tipps zur zweisprachigen Entwicklung und Erziehung von Kindern. Tübingen: Stauffenburg
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